Mit dem Evangelischen Bund wirst du nie fertig

Ingrid Kuning in ihrer Wohnung in Oberursel (Foto Genthe)

„Dieses überschaubar Protestantische ohne Firlefanz, das gefällt mir.“ So spricht Ingrid Kuning über den Evangelischen Bund, in dem sie seit 60 Jahren Mitglied ist. Hier komme sie auch mit anderen Menschen zusammen, mit denen sie gut sprechen und diskutieren könne, und nicht eingeengt sei. „Und man bekommt beim Evangelischen Bund so eine gute Orientierung.“

Eingetreten per Fahrrad

Eingetreten ist die angehende Volksschullehrerin 1961 mit dem Fahrrad. Während man heute online eintreten kann, ist die 23-Jährige die elf Kilometer vom Pädagogischen Institut in Jugenheim zum Konfessionskundlichen Institut nach Bensheim gefahren, wo der Evangelische Bund schon damals seinen Sitz hatte.  Der Blick auf die riesige Bibliothek in der alten Villa gab ihr die vollkommene Überzeugung, hier richtig zu sein. Und trat ein. Erfreut fuhr die junge Frau die elf Kilometer wieder zurück. 

Zuvor hatte Ingrid Kuning schon mehrfach an den Lehrertagen des Evangelischen Bundes teilgenommen. Als bei einem solchen Lehrertag der Direktor ihres  Pädagogischen Instituts sprach, dachte sie: wenn dieser hoch geachtete Mann beim Evangelischen Bund spricht, da muss doch etwas dran sein an diesem Verein. „Das war für mich der I-Punkt.“ 

Bewegende Erlebnisse

Die heute 83-Jährige erinnert sich noch an den Mitgliedspreis von drei Mark im Jahr „oder so ähnlich“, auch an die Mitgliederzeitschrift, „hieß die damals schon ‚Evangelische Orientierung’ ?“. Gern denkt Ingrid Kuning an die Wintervorträge im Frankfurter Dominikanerkloster und die vielen Menschen, denen sie begegnet ist. Höhepunkte waren die jährlichen Hessischen Landesversammlungen über das ganze Wochenende mit dem anschießenden Lehrertag am Montag. Auch die jährlichen deutschlandweiten Generalversammlungen hat sie fast alle mitgemacht. 

Durch den Evangelischen Bund sei sie auch in ihrer Ausbildung so up to date gewesen, dass bei ihrer Prüfung im Fach Religion der Professor bei ihrer Antwort über die Auffassungen zum Abendmahl gefragt habe: Wo haben sie denn das her?“ Voller Stolz konnte sie antworten: „Vom Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.“ Später habe sie einmal mit Wolfgang Sucker, dem damaligen Direktor des Konfessionskundlichen Instituts und späteren Kirchenpräsidenten, diskutiert. Da habe er im Vorstand gesagt: „Die müsst Ihr Euch merken!“

Erste Frau im Vorstand

1968 bereits saß Ingrid Kuning im Vorstand, die erste und einzige Frau zwischen lauter Männern, fast ausschließlich Theologen, die in den Sitzungen Pfeife, Zigarre und Zigaretten rauchten. Ja, man hatte sich gut an sie erinnert.  Es gab jedoch eine Personaldebatte, Frau Kuning musste vor die Tür, „und die sprachen natürlich darüber, ob sie mich als Frau und Nicht-Theologin in den Vorstand nehmen oder nicht.“ Sie habe aber nie das Gefühl gehabt, dass die Männer auf sie herabsehen, und fühlte sich immer als ein voll geachtetes und angesehenes Mitglied, 40 Jahre lang.

Anfangs traute sich die junge Lehrerin diese Leitungsaufgabe noch nicht so ganz zu: „Diese Volltheologen lesen doch morgens schon zum Frühstück den Evangelischen Pressedienst. Und ich musste mir alles aus den Zeitungen zusammensuchen.“ Außerdem haderte die junge Lehrerin mit dem Theologendeutsch in dieser Runde und mit Abkürzungen wie VELKD

„Ich wollte frei sein“

In ihrer Oberurseler Gemeinde war Ingrid Kuning immer sehr aktiv, und wurde mehrfach nach der Mitarbeit im Kirchenvorstand gefragt. „Immer habe ich abgelehnt, denn ich wollte für weitere Aktivitäten frei sein.“ Für sie war der Evangelische Bund vielseitiger als das Amt in einer Kirchengemeinde. Außerdem brauchte sie ihre Kraft für die Schule, und für Dinge, die sie alle gestalten wollte. Dazu zählen unter anderem die Weihnachtsfeiern im Haus Emmaus mit Flötenkindern und Schulkindern sowie drei große Krippenausstellungen. Selbst hat sie eine Kantate entworfen und mit 60 Kindern in der vollen Kirche aufgeführt. 

Ingrid Kuning ist viel gereist, hat nicht nur die Treffen des Evangelischen Bundes besucht und viele Freundschaften geknüpft. „Mein Interesse war es, andere christliche Kirchen in anderen Ländern kennenzulernen.“ Dieser Außenblick habe ihren Horizont erweitert. „Kirchengemeinde allein war mir zu eng.“ Gern ist sie in die alten christlichen Länder wie Äthiopien, Armenien oder Ägypten gereist. Besonders eindrucksvoll bleibt ihr die erste große Reise Anfang 1961 nach Israel.  „Während man in Berlin sich eine Mauer nicht vorstellen konnte, gab es die damals bereits in Jerusalem.“

Kein konfessionelles Kästchendenken

Bescheiden blieb die umtriebige Lehrerin immer. Als ihr Hessens Ministerpräsident Roland Koch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ankündigte, hielt sie das Schreiben für einen Werbegag und warf es erst mal in den Papierkorb. Und 2011 lud Bundespräsident Christian Wulff sie zum Begrüßungszeremoniell von Papst Benedikt nach Berlin ein. Heute ist es ihr wichtig, am Sonntag „ein Stück Predigt für die Woche“ mitzunehmen, am liebsten in ihrer Kirche in Oberursel oder online.

Die konfessionelle Spaltung hat sie immer gequält. „In unserer Familie wussten wir über das Katholischsein gut Bescheid.“ Ingrid Kunings Großmutter war ursprünglich katholisch. Dankbar ist sie, dass „dieses konfessionelle Kästchendenken“ nicht mehr vorhanden ist. „Wir dürfen nicht – wie Pferde – Scheuklappen angelegt bekommen, sondern frei in die Welt schauen und selbst unseren Weg finden. Das habe sie beim Evangelischen Bund gelernt. „Mit dem Evangelischen Bund wirst Du nie fertig.“ 


Autor:

Hans Genthe
o179 2405996
hans.genthe@evangelischer-bund.de

One Reply to “Mit dem Evangelischen Bund wirst du nie fertig”

  1. Herzlichen Glückwunsch an Ingrid Kuning zur diamantenen Mitgliedschaft im Ev. Bund! Der spannende Beitrag Hans Genthes spiegelt wunderbar die Geschichte der Bundesarbeit in den 1960er Jahren mit ihren Umbrüchen und Veränderungen: Endlich eine Frau im Vorstand, die es 40 Jahre mit den „alten Rauchern“ und den „jungen Kritikern“ ausgehalten hat und schließlich sogar hohe Anerkennung von staatlicher Seite erhielt. Die Mitgliederzeitschrift hieß 1961 wie 1968 noch „Der Evangelische Bund. Mitteilungsblätter“. Auch die EO sieht heute ganz anders aus. Wer beim Ev. Bund mitmacht, wird nie fertig, sich über den Weg der christlichen Kirchen in die Zukunft Gedanken zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.