Ein Interview mit dem Vorsitzenden des Evangelischen Bundes Hessen, Matthias Ullrich, nach dem Ausscheiden aus dem Amt nach 17 Jahren.
17 Jahre lang Erster Vorsitzender – da sind beim Abschied sicher Wehmut und Freude im Spiel.
Natürlich ist da Wehmut. 17 Jahre sind eine lange Zeit – und es waren für mich sehr wertvolle Jahre. Der Evangelische Bund war für mich immer eine Gemeinschaft von Menschen, die Theologie nicht als Selbstzweck betreiben. Entscheidend war die Frage: Wie bewähren sich theologische Einsichten in Kirche, Gesellschaft und Politik? Dieses Ringen um Antworten – aus klar evangelischer Position und zugleich in ökumenischer Weite – habe ich als große Bereicherung erlebt.
Gerade im Pfarramt frisst einen das Tagesgeschäft schnell auf. Organisation, Strukturen, Termine – und irgendwann geraten die großen Fragen aus dem Blick. Der Evangelische Bund war für mich ein Ort, an dem sie Raum behielten.
Wenn Du zurückdenkst, welche Schlaglichter und Highlights kommen Dir spontan in den Sinn?
Zu den Höhepunkten zählen die großen Symposien, etwa 2020 in Frankfurt „Von Gott reden“ mit Christiane Tietz und Volker Gerhardt. Bemerkenswert finde ich auch, dass wir schon vor etwa zehn Jahren unter dem Titel „Mensch und Maschine“ über Künstliche Intelligenz und die Folgen für Gesellschaft, Kirche und Menschenbild diskutiert haben. Manche Fragen waren ihrer Zeit durchaus voraus.
Mindestens ebenso wichtig waren mir aber die Begegnungen: etwa mit den Freundinnen und Freunden des Evangelischen Bundes in Österreich, bei Studientagungen, in Gemeinden und Schulen, etwa im Reformationsjahr oder beim Thema „Reformation und Toleranz“.
Ein Vorsitzender hat aber nicht nur Sternstunden. Wo wurde es richtig mühsam?
Bei der Zukunft des Konfessionskundlichen Instituts. Es gab Überlegungen innerhalb der EKD, das Institut stärker in die eigenen Strukturen einzugliedern. Dafür gab es durchaus nachvollziehbare Gründe: Die EKD ist schließlich der größte Zuschussgeber.
Trotzdem waren wir überzeugt: Damit wäre etwas Entscheidendes gefährdet worden – die Unabhängigkeit des Instituts.
Warum ist die so wichtig?
Weil es einen Unterschied macht, ob ich unabhängiger Gesprächspartner bin oder Abteilung einer Kirche. Das Institut muss Entwicklungen beobachten, Expertisen erstellen, Gespräche zwischen Konfessionen vorbereiten und moderieren können. Es muss manchmal auch Ideen formulieren dürfen, die nicht schon durch eine kirchliche Hierarchie gelaufen sind.
Wer institutionell unmittelbar Teil einer Kirche ist, wird anders wahrgenommen.
Gemeinsam mit Professorin Dr. Gury Schneider-Ludorff, der Präsidentin des Evangelischen Bundes, habe ich als Vertreter der Landesverbände deshalb viele intensive, mitunter mühsame Gespräche mit unseren Partnern geführt. Am Ende konnten wir überzeugen: Die enge Verbindung zur EKD und die Trägerschaft durch den Evangelischen Bund sind kein Widerspruch, sondern gerade die Stärke der Konstruktion.
Das hat sich gelohnt. Und angesichts knapper werdender kirchlicher Finanzen wird diese Verbindung eher wichtiger: Das Institut profitiert von den fachlichen und ehrenamtlichen Ressourcen des Evangelischen Bundes, der Bund wiederum von der wissenschaftlichen Kompetenz des Instituts.
Diese Unabhängigkeit ist kein Luxus. Sie ist Voraussetzung dafür, dass das Institut seine ökumenische und vermittelnde Rolle glaubwürdig wahrnehmen kann.
Was hat Dich in diesen Jahren geprägt? Gibt es so etwas wie eine Lebenslektion aus der Vorstandsarbeit?
„Lebenslektion“ ist ein großes Wort. Aber eine Erkenntnis hat sich verfestigt: Man muss über den eigenen Horizont hinausschauen – und darf das Vertraute nicht mit dem Selbstverständlichen verwechseln.
Durch die ökumenischen Begegnungen habe ich andere Kirchen und andere Formen kirchlichen Lebens kennengelernt – und dadurch auch die eigene Kirche neu gesehen. Unsere volkskirchlichen Strukturen haben uns jahrzehntelang getragen und enorme Möglichkeiten eröffnet. Aber Strukturen, die einmal Stärke waren, können unter veränderten Bedingungen auch zur Last werden und notwendige Veränderungen blockieren.
Das klingt nach einer ziemlich deutlichen Diagnose für die evangelische Kirche in Deutschland.
Die Herausforderung ist jedenfalls groß. Mich beeindrucken kleinere Kirchen wie die Waldenser in Italien oder in anderen europäischen Ländern. Sie haben einen Bruchteil unserer finanziellen und institutionellen Möglichkeiten – und treten trotzdem mit Selbstbewusstsein, klarem Profil und gesellschaftlicher Präsenz auf.
Vielleicht liegt genau darin eine Lektion für uns: Kirche darf ihre Zukunft nicht aus den Strukturen ihrer Vergangenheit ableiten. Uns fällt immer noch schwer, „out of the box“ zu denken und auch Dinge zu verändern, die uns lange vertraut waren und getragen haben, aber in Zukunft nicht mehr halten. Das fällt Institutionen naturgemäß schwer. Ich denke aber, die gesellschaftliche Entwicklung wird uns diese Entscheidung an manchen Stellen ohnehin abnehmen.
Nun steht beruflich im kommenden Jahr auch der Ruhestand bevor. Füße hoch?
Das wäre vermutlich nicht meine größte Begabung. Mit dem Begriff „Ruhestand“ tue ich mich ohnehin schwer. Er klingt nach Rückzug. Für mich bedeutet er eher: keine festen beruflichen Verpflichtungen mehr – und damit die Freiheit, selbst zu entscheiden, wo ich mich einbringe.
Als Pfarrer kann ich theologisch und kirchlich weiter tätig bleiben: ehrenamtlich, auf Einladung oder gelegentlich in Vertretung. Einige Aufgaben bleiben. Ich bin Vorsitzender des Hospizdienstes Immanuel und mache diese Arbeit sehr gern. Auch im Evangelischen Bund möchte ich aktiv bleiben – nur eben nicht mehr in der ersten Reihe.
Was würde Dich reizen?
Formate, bei denen Menschen wirklich Zeit miteinander verbringen. Studientagungen, vielleicht Studienreisen an Orte mit besonderer kirchlicher oder ökumenischer Geschichte. Ich glaube bei aller Begeisterung für digitale Möglichkeiten sehr an die Kraft persönlicher Begegnung.
Und dann freue ich mich auf Freiheit: für theologische und gesellschaftliche Fragen, für neues Engagement – und für die Familie. Ich bin inzwischen Großvater und möchte dafür mehr Zeit haben.
Blicken wir nach vorn: Kirche verliert Mitglieder, Geld wird knapper, gesellschaftliche Bindungen werden schwächer. Wozu braucht es da künftig noch einen Evangelischen Bund Hessen?
Das müssen vor allem diejenigen beantworten, die jetzt Verantwortung übernehmen. Aber ich sehe einige Felder, auf denen ein Evangelischer Bund etwas beizutragen hat.
Das erste ist Begegnung. Je digitaler unsere Welt wird, desto kostbarer werden Orte, an denen Menschen tatsächlich zusammensitzen, streiten, lernen und Glauben miteinander erleben. Digitalität kann viel. Persönliche Begegnung ersetzen kann sie nicht.
Das zweite ist Schöpfungsverantwortung. Kein neues Thema. Aber die Klimakrise zwingt uns zu einer unbequemen Frage: Kann eine Wirtschafts- und Lebensweise funktionieren, die dauerhaft auf mehr Wachstum und mehr Ressourcenverbrauch setzt? Die biblische Idee, die Schöpfung zu „bebauen und zu bewahren“, ist plötzlich ausgesprochen konkret. Theologie muss der Logik des Immer-mehr eine Vorstellung davon entgegensetzen, was ein gutes Leben eigentlich ausmacht.
Und KI? Ein Thema, mit dem sich der Bund schon beschäftigt hat, bevor ChatGPT zum Alltag gehörte.
KI wird eines der großen Themen werden – gerade weil sie eben nicht nur eine technische Frage ist.
Wenn Maschinen Tätigkeiten übernehmen, die wir bislang für genuin menschlich gehalten haben, müssen wir neu fragen: Was macht den Menschen eigentlich aus? Worauf gründet seine Würde? Und woher beziehen Menschen Sinn, wenn Arbeit und Leistung vielleicht irgendwann weniger identitätsstiftend sind als heute?
Das sind im Kern theologische Fragen. Und sie werden uns noch lange beschäftigen.
Bleibt die Ökumene. Hat die angesichts der Probleme der Kirchen überhaupt noch Priorität?
Gerade deshalb. Keine Kirche hat die Antworten allein. Und das gemeinsame Christuszeugnis von einem Gott der Liebe und Gnade wird dabei noch wichtiger.
Die ökumenische Stärke des Evangelischen Bundes besteht darin, über die eigene kirchliche Binnenwelt hinauszuschauen, andere christliche Traditionen einzubeziehen und gewiss auch das Gespräch mit anderen Religionen zu suchen.
Der Evangelische Bund muss nicht auf jede große Frage die fertige Antwort liefern. Aber er kann etwas schaffen, das vielleicht immer wichtiger wird: Räume, in denen Menschen noch die grundsätzlichen Fragen stellen und miteinander um Antworten ringen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellten Elisabeth Engler-Starck und Michael Gerhardt.
Hier finden Sie sowohl den Schlussbericht mit sieben Thesen zur Zukunft des EB Hessen als auch eine Andacht von Matthias Ullrich. Beide vom Tag seiner Amtsübergabe am 05.09.2026 bei der Mitgliederversammlung in Bensheim.
