Allerheiligen aus evangelischer Sicht

Wenn viele katholische Christen an Allerheiligen zu den Gräbern ihrer Verstorben gehen, dann tun sie dies im Blick auf den folgenden Tag Allerseelen.

Die Verehrung von Heiligen ist Protestanten fremd und erscheint vielen sogar als Aberglaube. Denn nach streng reformatorischer Lehre gilt allein Christus als Vermittler und Fürsprecher vor Gott, und nicht weitere ausgewählte Personen. Sind nicht alle heilig, die auf Christus vertrauen, eine Gemeinschaft der Heiligen? Wie kann es also Menschen geben, die noch heiliger, vielleicht sogar näher an Gott sind? 

Märtyrer als Heilige

Für die frühe Christenheit waren Heilige, Menschen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt und ermordet wurden. Ihr Martyrium war im Wortsinn das Zeugnis ihres Vertrauens auf Gott und Christus. Entsprechend wurden sie verehrt: „Den Märtyrern […] erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer. Möchten doch auch wir ihre Genossen und Mitschüler werden!“, heißt es in der Erzählung von dem Martyrium des Bischofs Polykarp († ca. 155). Gleichwohl war klar, dass die Anbetung allein Christus gebührte. 

Die Grenze zwischen Liebe, Verehrung und Anrufung war und ist gleichwohl fließend. Zudem gab es im antiken Rom die Praxis, dass wohlhabende und einflussreiche Römer Menschen um sich scharten, denen sie Gutes taten, und auf deren Unterstützung sie hoffen konnten. Bei Wahlen zu öffentlichen Ämtern waren sie ihrer Klientel sicher. Diese Vorstellung ließ sich nun sehr einfach auf diese heiligen Personen übertragen, was zu der Heiligenverehrung führte. Später haben die Reformatoren die Verehrung der Heiligen vehement bekämpft, und bis in die heutige Zeit zieht sie in der evangelischen Tradition den Verdacht eines Aberglaubens auf sich. 

Und was hat das mit Halloween zu tun?

Immerhin war der Termin bewusst gewählt, an dem Martin Luther seine 95 Thesen über Ablass und Gnade versandte: Der Vorabend des Allerheiligentages, 31. Oktober. In den Gebieten, die sich der Reformation anschlossen, der Anfang vom Ende der Heiligenverehrung und ein Grusel für alle, die weiterhin dem Papst anhingen. Vielleicht ist es daher auch ebenso bewusst gewählt, dass in den römisch-katholischen Gebieten Großbritanniens an diesem Tag All Hallows Eve gefeiert wurde, während die protestantischen Briten den Reformationstag begingen. Übrigens, aus All Hallows Eve ging später – über den Umweg Amerika – Halloween hervor.

Dabei ist Allerheiligen durchaus ein ökumenischer Feiertag, auch evangelische Gottesdienstordnungen sehen für dieses Fest eine eigene gottesdienstliche Feier vor. Und ganz im Sinn des Augsburger Bekenntnisses ist es auch sinnvoll, sich an diesem Tag derer zu erinnern, denen es mit ihrem christlichen Glauben wahrhaft ernst, sogar todernst war. 

Gemeinschaft der Heiligen bei den Protestanten

Dass der Glaube an Christus die Brücke zwischen den Lebenden und den Toten bildet, verdeutlicht auch, das am Tag nach Allerheiligen gefeierte Fest „Allerseelen“, an dem seit dem ausgehenden 9. Jahrhundert der Verstorbenen gedacht wird. Die Pflege der Erinnerung an die Verstorbenen gehörte zu den Aufgaben, die in Klöstern wahrgenommen wurden. Das Gedenken an die Heiligen und die Fürbitte für die Normalsterblichen steht also in enger Verbindung: Verbunden in Christus und der Hoffnung auf Vollendung treten Lebende und Verstorbene aktiv füreinander ein, sichtbarer Ausdruck der Gemeinschaft der Heiligen – auch in protestantischem Sinn. 


Autor
Privatdozent Dr. Volkmar Ortmann
ist 2. Vorsitzender des Evangelischen Bundes
volkmar.ortmann@evangelischer-bund.de