Wenn Luther nicht so krank gewesen wäre (5)

aktuell am 9. Juli 2021

Wenn Luther nicht so krank gewesen wäre, dann wäre manches in der Reformation anders verlaufen. Die zahlreichen Krankheiten, die den Reformator plagten, haben ihn oft unleidlich und hart gemacht. Gut vorstellbar, dass Luther bei besserer Gesundheit freundlicher und kompromissbereiter gewesen wäre. Oder war es gerade seine harte Linie, die der Reformation zum Sieg verholfen hat? 

Eine lange Liste chronischer Krankheiten und Erkrankungen

Bereits als jungen Mann plagte Luther ein offenes Bein, das nie verheilte. Als Jurastudent hatte er sich mit dem Degen verletzt.  Er litt an extremen Verdauungsproblemen sowie an Hämorrhoiden. Seit seinem 44. Lebensjahr quälte ihn ständiges Ohrensausen mit heftigen Anfällen. Angstsyndrome, psychogene Anfälle und unerklärliche Ohnmachten überfielen ihn immer wieder. Einen Teil dieser Kranheitserscheinungen haben Ärzte später mit dem Roemheld-Syndrom geschrieben.

Dazu kamen Krankheiten, die kommen und gehen, wie Nierensteine, später die Gicht, eine Mittelohrentzündung oder die Ruhr, sowie ein Abszess am Hals, die den Reformator nie zur Ruhe kommen ließen. 1543 bekam Luther einen Herzanfall, und er ist schließlich auch drei Jahre später, im Alter von 62 Jahren, an einem Herzanfall gestorben.  

Ungesunde Lebensweise – von einem Extrem ins andere

Bis zu seinem 21. Lebensjahr lebte Luther mit vielen Kalorien, aber nicht ausgewogen, und mit Bewegungsmangel. Im Erfurter Kloster lebte der junge Mönch genau entgegengesetzt, das Essen war karg und eintönig, er fastete so viel er nur konnte, musste zu den Stundengebeten – auch nachts – oft lange in der kalten Augustinerkirche aushalten. Das habe dazu geführt, schrieb er später, „dass ich dem Körper mehr Last auferlegte, als er ohne Gefahr für die Gesundheit ertragen konnte“ Als er 1535 Katharina von Bora heiratete, wurde Luther wieder überversorgt mit Fleisch und Bier, bewegte sich wenig und wurde dicker und schließlich übergewichtig.  

Die „Windsbraut“ plagte Luther bis aufs Äußerste

Luthers schwerstes Leiden kennen wir heute als die Menièresche Krankheit, ein Anfallsleiden mit Erkrankung des Innenohrs mit Ohrensausen und Schwindelanfällen. Seinem Beichtvater Johannes Bugenhagen gegenüber äußerte der geplagte Luther, das Sausen und Rauschen hause „wie eine starke Windsbraut“. Es brause „mit großer Ungestüm für dem linken Ohr und ganzem linken Backen wie rauschende Meereswellen“. Solches konnte – so berichtet er Luthers Worte „nicht mit natürlicher Weise zugehen“. Tatsächlich beschrieb Luther sein Ohrensausen als Anfechtung des „schwarzen zottigen Gesellen aus der Hölle“. Seit dem 6. Juli 1527 litt Luther ohne Unterbrechung an Ohrensausen, immer wieder von Anfällen der „Windsbraut“ verstärkt. Aus Luthers zahlreichen Aufzeichnungen geht hervor, dass er aus Angst vor neuen Anfällen im Winter 1532/33 nicht predigen konnte und in Depressionen versank.

Mit zunehmendem Alter verbissen und unbeweglich

Zu seinen gesundheitlichen Problemen kam der Dauerstress, den er sich in seinem Kampf gegen die Zustände in der römischen Kirche auferlegte. Luthers Arbeitseifer war unermesslich. Allein in einem Jahr, 1520, veröffentlichte er vier seiner Hauptschriften. Er reiste, wo er nur konnte, und fand keine Ruhe. Alles keine guten Voraussetzungen für ein gesundes Leben.

Tatsächlich wurde Luther krank und kränker. Mit seinen vielen Beschwerden nahmen auch seine Wutausbrüche und Polemiken zu. Ein Beispiel dafür zeigen Luthers Aussagen über die Juden: 1523 veröffentlichte er seine judenfreundliche Schrift „Dass Jesus ein geborener Jude sei“. Zwei Jahre vor seinem Tod verfasste er seine wüste Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, die ihn heute in den Zusammenhang mit dem Holocoust gebracht hat.  Dazwischen liegt ein halbes Leben voller Krankheiten und Anfechtungen. 

Heute kann man fragen: wäre ein gesunder und ausgeglichener Luther kompromissbereiter, versöhnlicher gewesen? Wäre die Reformation anders verlaufen? 

Lesetipp

Die ausführliche Darstellung über Luthers Krankheiten von Franz Kadell auf der Internetseite des MDR