Digitales Abendmahl

Pro und Contra zur digitalen Frömmigkeit

Ändert sich das Leben, verändert sich die Frömmigkeit. So wie viele das digitale Arbeiten im Home Office genießen, so begegnet sich auch die Gemeinde jetzt vielfach am Bildschirm. Die Erfahrungen sind fast durchweg sehr gut. Die Zahl der Teilnehmenden steigt, weil viele Angebote auch nachträglich im Netz stehen und angeschaut werden können. Hier sollte die erste Frage lauten: Ist es dasselbe live dabei zu sein? Oder ist es etwas anderes, später nur zuzuschauen? 

Virtuelle Gemeinschaft seit eh und je

Schon die frühen Christen der ersten Jahrhunderte kannten und lebten eine mediale Gemeinschaft. Die Briefe des Paulus waren Zuspruch, Ermahnung und Trost für viele.  Es ist fraglich, ob ohne diese mediale Vermittlung eine weltweite Kirche ihren Anfang hätte finden können. Schließlich kennt die frühe Kirche die virtuelle Verbindung der Gemeinde, wo auch immer sie auf der ganzen Welt verteilt ist. Zu den christlichen Grundlagen des Glaubens nennt das Glaubensbekenntnis die „Gemeinschaft der Heiligen“. Das sind nicht die Heiligen der Katholischen Kirche, sondern das sind alle getauften Christen, überall, und auch zu allen Zeiten.

Bereits seit Jahrzehnten wird der Segen in Fernsehgottesdiensten übermittelt. Auch der Segen des Papstes „urbi et orbi“ geht schon seit Menschengedenken per Funkwellen um die ganze Welt. Er erreicht die Menschen, und ist auch nach katholischer Lehre ausdrücklich gültig. So gesehen scheint es nur logisch zu sein, auch das Abendmahl am Bildschirm zu feiern. Eine Gruppe von Menschen erlebt Gemeinschaft, vielleicht per zoom oder via skype. Brot und Wein stehen auf dem Tisch, eine ausgesuchte Person leitet die Feier an und spricht die Einsetzungsworte. 

Leib und Blut in Brot und Wein. Aber wie?

Die entscheidenden Worte weisen auf ein konkretes Brot und einen konkreten Wein, ausgedrückt durch das erste Wort des Textes: „Das ist mein Leib…“. Kann dieses „Das“ die verschiedenen Brote und Brötchen meinen, die auf den fernen und näheren Schreibtischen der Beteiligten liegen? Ja, die Einsetzungsworte gelten für alle beteiligten Brote und ebenso für den Wein. Schließlich werden auch analogen Gottesdienst viele Hostien oder Brotstücke ausgeteilt, oft werden Einzelkelche ausgegeben, nachdem die Einsetzungsworte darüber gesprochen wurden. Wichtig ist also, dass jede und jeder Brot und Wein oder Traubensaft vor sich hat. Denn zum Abendmahl gehört es substanziell, dass Brot und Wein real gegessen und getrunken werden, und zwar von allen.

Wenn jeder sein eigenes Brot und seinen eigenen Wein vor sich hat, dann ist es nicht „das“ Brot und „der“ Wein, der ausgeteilt wird. Dieses konkret Auszuteilende „ist“ nach den Einsetzungsworten Leib und Blut Christi. Über das „ist“ haben sich die Konfessionen getrennt. Die Evangelischen kennen zwar keine Wandlung, da wird nicht aus dem Leib Christi das Brot auf dem Altar und aus dem Blut wird nicht der Wein,  aber – wie Luther sagt – in dem Brot und in dem Wein sind Leib und Blut Christi drin, wie könne man nicht genau sagen. Das gilt dann für die Gaben auf dem Alter. Für die Reformierten ist das Abendmahl ein Erinnerungsmal und ein Mahl der Gemeinschaft. Brot und Wein „bedeuten“ hier Leib und Blut. Brot ist Brot, Wein ist Wein. Da ist nichts gewandelt, und da ist nichts „drin“. Es sind Symbole, die Christus im Glauben vergegenwärtigen.

Selbstverständlich bleiben manche Fragen

Kann die austeilende Person die Einsetzungsworte über alle Bildschirme hinweg auf alle davor liegenden Brote und Weingläser sprechen? „Sind“ oder „bedeuten“ dann alle diese persönlichen Gaben Leib und Blut Christi? Fragezeichen sind angebracht, und zwar um den Wert des Abendmahls auch in seinen neuen Formen zu erhalten. Denn der Sinn dieses Mahls ist seine Wirksamkeit, wie sie schon unzählige Menschen erfahren haben. 

Vielfach werden digitale Abendmahle gefeiert. Und zwar unabhängig davon, ob die eine oder andere Kirchenleitung sie genehmigt hat, unabhängig davon, ob die Fachleute alle Fragen beantwortet haben. Vielleicht ist es einfach so, dass diese neuen Formen des Abendmahl aus der Not der Corona-Pandemie gewachsen sind. In der Not wurde das Abendmahl auch schon mit Kaffee und Kuchen gefeiert, auch ohne Pfarrer, und auch ohne korrekte Liturgie. Dann war es ein Not-Abendmahl, so wie es ja auch die Nottaufe gibt. Und aus der Not kann tatsächlich manchmal eine Tugend werden. 

Material

Mehr zum Pro und Contra in Zeitzeichen

Handreichung (PDF) der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Material der EKD zum Thema Digitales Abendmahl

Überlegungen zum Online-Abendmahl (PDF) von Prof. Kristian Fechtner (Mainz)

Mein Leib für dich gegeben – Evangelische Akademie im Rheinland

Thesen für die Diskussion von Frederike von Oorschot

Hans Genthe
0179.2405996
hans.genthe@evangelischer-bund.de
@hgenthe

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